Aus dem Buch - Kapitel 1 (Auszug)
Eine leise Epidemie
Der folgende Auszug ist der echte Anfang von Kapitel 1 - ungekürzt, kein Marketingtext. Die vollständigen drei Buchseiten stehen unten auch als PDF zum Download.
1.1 Eine stille Welle, die niemand kommen sah
Stellen Sie sich einen Moment lang eine volle U-Bahn vor, mitten am Abend, jeder Sitzplatz belegt, alle Blicke auf Handybildschirme gerichtet. In diesem Waggon sitzt vielleicht jemand, der sich so allein fühlt wie schon lange nicht mehr. Was wie ein Widerspruch klingt, ist keiner: Einsamkeit ist ein Gefühl, das mitten unter anderen Menschen auftreten kann, leise, unsichtbar, oft über Jahre hinweg - und genau deshalb verdient sie Aufmerksamkeit als Frage der öffentlichen Gesundheit, denn wenn ein Faktor in epidemiologischen Studien durchgängig mit einer deutlich erhöhten Sterblichkeit korreliert - wobei die Größenordnung dieser Korrelation je nach Studie variiert und in einzelnen Meta-Analysen in den Bereich klassischer Risikofaktoren wie Rauchen oder Adipositas hineinreicht (Holt-Lunstad et al., 2010; WHO, 2023) -, dann ist sie weit mehr als ein privates Leiden.
Dass diese stille Welle heute als gesellschaftliches Problem erkannt wird, ist neu. Noch vor zehn Jahren galt Einsamkeit als Soft Topic, bestenfalls als psychologisches Randgebiet. Heute taucht sie in Lageberichten der Weltgesundheitsorganisation auf, in strategischen Papieren der EU-Kommission, in Titeln von Fachjournalen wie Nature und The Lancet. Ökonomen diskutieren sie als Produktivitätsverlust, Regierungen als Frage der öffentlichen Gesundheit. Diese Verschiebung ist so schnell verlaufen, dass sie selbst erklärungsbedürftig geworden ist.
… (Auszug endet hier, es folgen zwei weitere Buchseiten im PDF unten.)